Von null auf hundert in 2,8 Sek. – der Superlative Sprinter Nissan GT-R 2012

Feared Globally – Weltweit gefürchtet. Das ist der Kommentar zur Nordschleife des Nürburgrings. Doch wenn der Nissan GT-R so gut sein sollte, wie man es aufgrund zahlreicher Berichte annehmen darf, könnte man diesen Spruch auch als kleinen neckischen Aufklebern auf dem massigen Hintern des schnellsten Nissan sehen.

Viele Exemplare werden sicher auch die stilisierte Nordschleife am Heck tragen, erfuhr der Neuankömmling aus Japan mit 7:29 doch eine Sensationszeit in der grünen Hölle. Aussen ist der neue Star am Sportwagenhimmel für Experten sofort als Skyline zu erkennen, obwohl er diesen Namen gar nicht mehr trägt. Im Gegensatz zu frühreren GT-R-Varianten, handelt es sich beim neusten Coup um ein vollkommen eigenständiges Fahrzeug. Auch der früher gepflegte Reihensechser musste einem neuen Aggregat weichen. Unter der Motorhaube haust ein V6 mit zwei Turboladern. Mitten in der weit aufgerissenen Schnauze prangt ein grosses GT-R-Emblem, wie man es vielerorts am und im Zweitürer findet. Doch wenn die Gerüchte stimmen, wird man viel häufiger einfach nur die vier grossen Töpfe mit den darüber liegenden Rundscheinwerfer sehen. Den Heckabschluss markiert ein für heutige Zeiten etwas grosser, nicht versenkbarer Heckflügel. Ansonsten kommt die Form schnörkellos daher, erinnert aus dem richtigen Winkel betrachtet gar an eine automobile Skulptur.

Doch solche Diskussionen sind was für Kunstkritiker. Ich will den sagenumwobenen GT-R nun endlich fahren. Und tatsächlich, Sekunden nach diesem Gedanken sitze ich in den bequemen Sportsitzen und schaue auf den Tacho. 340? Naja, vorerst reicht mir Landstrassentempol vollends aus. An diesem sonnigen Abend schätze ich die japanische Vollausstattung: Klimaautomatik und Sitzheitzung sind ebenso an Bord wie eine elektrische Sitzverstellung. Zu verstellen gäbe es da noch einige andere Knöpfe, doch man muss die fernöstlichen Ingenieure loben: Die häufig gebrauchten Funktionen sind superschnell gefunden. Drei Schalter fallen sofort auf, sie dienen zur Einstellung von ESP, Getriebe und Fahrwerk. Doch es ist ein Ritt auf der Kanonenkugl mit einem Luftwiderstandsbeiwert von 0,27, also lassen wir ESP an und das Doppelkupplungsgetriebe auf Normal. Um später den Unterschied zum Race- und Comfortmodus zu spüren, bleibt auch die Fahrwerkseinstellung auf Standard. Nun darf mein Finger endlich dorthin, wo er schon lange hin wollte: Der rote Knopf auf dem Mitteltunnel hat eine magische Anziehungskraft.
Ohne grosses Brimborium erwacht das Monster vor mir. Jetzt den Schaltstummel mit Druck auf den Knopf ganz nach hinten bewegen und einfach losrollen. As easy as that. Um das gleich mal zu sagen: Mit diesem Auto kann auch Oma fahren. Nur wird sie kaum dazu kommen, weil ständig der Enkel damit unterwegs ist. Für die teilweise arg gebeutelten Landstraßen reicht kurzes Schnippen am Fahrwerksschalter und den Beifahrern bleibt der Besuch beim Orthopäden vorläufig erspart. Ich finde jedoch trotzdem eine bequeme Sitzposition, da sich auch das Lenkrad samt Armaturen in Höhe und Tiefe verstellen lässt. Die 1,89 Meter Breite wollen mit Vorsicht durch die recht engen Dörfchen im bergigen Harz bewegt werden. Die übersichtliche Karosserie hilft beim Manövrieren ebenso wie die geschwindigkeitsabhängige Servolenkung. Weil auf solchen Testfahrten das sicher lautstarke Bose-Sound-System schweigen muss, vernehme ich ein hochfrequentes Singen, das vom Getriebe zu stammen scheint. Es bewegt sich aber in einer Frequenzlage, die für die Zielgruppe sowieso nicht hörbar sein dürfte. Auch die Bremsen stimmen in das Liedchen ein, doch sind einem jegliche Geräusche total egal, wenn sie dann so brutal zu verzögern wissen. Die Bremsen sind also grossartig, das Fahrwerk durchaus komfortabel, aber was ist mit der Beschleunigung? Dazu sei erwähnt, dass der Besitzer dieses, im wahrsten Sinne des Wortes ANABOLICAR vom Verkäufer den Rat erhalten hat, nicht oft den Launch Control zu benutzen…ich weiß auch warum-wegen der extremen Suchtgefahr!!! :-)
Also ließ ich den stolzen Eigner, einen jungunternehmer aus Göttingen ans Cockpit um mir die brachiale Beschleunigung zu demonstrieren.
Mir blieb der Atem stehen…ein Gefühl als wenn der Sitz aus den Schienen reißt oder durch die Rückenlehne der Recaros durchgedrückt wird, oder die Wangen bedingt durch die Trägheit der Masse hinterher flattern wie mann das aus den Videos der Base Jumper oder Falschirmspringer kennt, oder oder oder…brachial…ich glaube kaum, dass das zu topen ist. Dabei entwickelt das Antriebsaggregat derarte Kräfte das an allen mechanischen Teilen ein knarren und knetern zu hören ist, dass mann glaubt die Antriebswelle zum TransAxel Getriebe verdeht sich wie ein Korkenzieher. Nicht das meine Pilot beim Ausrollen jetzt vom Gas ging…nein, sofort zeigt er seinen der GT-R von seiner sportlichen Seite, quittiert Runterschalten mit dem perfekten Mass an Zwischengas und fordert die auf 590 getunten japanischen Gäule heraus. Viel zu schnell muss er schon wieder in den Zweiten, in den Dritten, in den Vierten wozu er einfach drei Mal rechts vom Lenkrad das Schaltpaddel zieht. Auf einer langen Geraden wage ich einen kurzen Blick auf den Tacho: irgendwo über 230. Doch ist er etwas spät dran mit dem Verzögern. Ein bisschen hart auf der Bremse und schon schwimmt der schnelle Nissan, kommt etwas quer, fängt sich aber sofort wieder und lässt sich butterweich in die Kurve einlenken. Er verzieht keine Miene. Seelenruhig sitzt er da und flechtet nebenher ein „das war n bischen spät“ in einen seiner beratenden Sätze ein. Ja, war es.
Nach einer kurzen Zigarettenpause bei Torfhaus durfte ich wieder im noch schneller arbeitendem Sport-Modus des Doppelkupplungsgetriebe „fliegen“. Ich meine sofort den Unterschied bemerken zu haben. Das Ding ist tatsächlich so gut, dass ich es dem GT-R nicht übelnehmen kann, dass es ihn nicht mit manuellem Getriebe gibt. Mit zwar fühlbarem aber nicht schmerzhaften Ruck fliegen die Gänge rein. So schnell könnte ich das mit einem Handschalter niemals erledigen. Nach einigen Flugmeilen übernimmt der Besitzer das Steuer, um zu zeigen, das es auch sehr kompfortabel mit Skyline-Nachfolger zugehen kann. Dabei könnten hinter uns noch zwei Kinder im Fond Platz nehmen. Noch weiter hinten gibt es unglaubliche 315 Liter Kofferraum. Doch schauen wir noch einmal nach vorne. Da sitzt in bester Lage ein Bildschirm, auf dem normalerweise Dinge wie die Klimaeinstellungen oder Reichweite angezeigt werden. Wie es sich für ein japanisches Auto gehört, sind daneben auch Darstellungen der G-Kräfte möglich. Eine Stoppuhr für Rundenzeiten ist darauf ebenso einblendbar, wie aktuelle Drehmomentverteilung.
Ich denke, man kann diesen Zeilen entnehmen, dass der Nissan GT-R tatsächlich genau der sensationelle Sportwagen ist, für den man ihn hält. Ein solches Package nahe der Perfektion bringt meistens eine schlechte Botschaft zum Schluss mit sich. Den Preis. Doch der ist, wenn man mal den Fahrspass, die Beschleunigungswerte, das tolle Fahrwerk und das mustergültige Getriebe aussen vor lässt, das eigentliche Highlight. Das Topmodell kostet in Deutschland um die 92.000 €. Ein Porsche 911 – kein S, kein Turbo, kein Doppelkupplungsgetriebe, kein Allrad, kein Navigationssystem, kein echter Kofferraum (135 L), kein einstellbares Fahrwerk – kostet 105’000 Euro. Sogar beim Tankinhalt übertrumpft der Japaner den in die Jahre gekommenen Flachkäfer um 7 Liter. Den Weissachern gehen die Argumente aus und Nissan die Autos. Und es gibt noch einen Faktor, den man heute nicht mehr weglassen darf: Der Verbrauch liegt nach ECE-Norm bei 12,2 Liter. Da wird man wohl noch Zwei Liter drauflegen müssen, schliesslich wiegt der GT-R 1750 kg. Das sind übrigens etwa 250 mehr als ein allradgetriebener 911er, obwohl Türen und Hauben des Nissan aus Aluminium gefertigt wurden.

Ich habe wirklich versucht, kritisch und so objektiv als möglich zu sein, doch dieses Auto ist einfach der Hammer. Weder Verarbeitung noch Design geben in meinen Augen Anlass zu Kritik. Dass im Innenraum nicht jedes alufarbene Konsölchen auch wirklich aus dem Vollen geschnitzt ist, kann bei diesem Preis nicht überraschen. Die Volllederausstattung mit perfekt passenden Sitzen ist ein Genuss für sich. Trotz einer Fülle an Funktionen ist das Cockpit übersichtlich geblieben und vermag sogar eine Portion Charme zu verströmen. Die Traktion ist derart bestialisch, dass ein GT-R nur sehr selten mit Vollgas bewegt werden dürfte. Dass der endlich auch in Europa erhältliche Sportwagen von Nissan neben seinen zweifelsohne vorhandenen Rennstreckentalenten auch eine angenehmes Mass an Komfort zu vermitteln mag, wird seine Käufer umso glücklicher machen. Die Stückzahlen der Fahrzeuge werden durch die von Hand aufgebauten stets tief bleiben, was die Konkurrenz wohl kaum sonderlich stören dürfte. Denn ich bin mir sicher, wenn der Nissan GT-R ein Prädikat verdient, dann folgendes: Feared Globally.

 

Text- & Bildquelle: ANABOLICAR